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Patienten­geschichten

Hier erzählen Patienten und ihre Angehörigen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit Lungenkrebs. Wir wollen Ihnen zeigen, dass Sie nicht allein sind, dass es andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht, dass Sie mit dem Schock „Diagnose Lungenkrebs“ nicht allein sind. Wir hoffen, die folgenden Beispiele geben Ihnen Mut und helfen Ihnen, mit Lungenkrebs besser umzugehen.

Bitte beachten Sie, dass es sich dabei um persönliche Berichte handelt, Untersuchungen und Behandlungsmethoden variieren je nach Patient und Erkrankungsstadium. Doch die emotionalen Belastungen, die mit einer solch schweren Erkrankung einhergehen, ähneln sich häufig.

Öffentlich über eine solch schwere Krankheit und die damit verbundenen Ängste und Hoffnungen zu erzählen, ist nicht leicht und erfordert viel Mut. Wir möchten daher allen Autoren sehr herzlich dafür danken, dass sie uns ihre Geschichte erzählt haben.

Frau Hans: „Reden hilft.“

Die Diagnose Lungenkrebs bekam ich mit 39 Jahren - das war ein Schlag für mich! Ich dachte direkt, dass ich nun sterben muss und jetzt alles vorbei wäre. In dieser Zeit habe ich viel geweint, war nervös und hatte unglaubliche Angst. Mein Mann hat mich von Anfang an beruhigt, hat mir zugesprochen und mir Mut gemacht. Ohne ihn hätte ich diese Zeit nicht durchgestanden. Ich war zunächst fast 3 Monate am Stück in der Klinik, musste eine ganze Reihe von Untersuchungen machen lassen und viele Gespräche mit den Ärzten führen. Er hat mich zu allen Arztterminen begleitet und mich bei den Therapieentscheidungen immer unterstützt. Das war eine große Hilfe.

Meinen Mann kostete diese Zeit sehr viel Kraft. Er musste meine Erkrankung natürlich auch verarbeiten und hat viel mit seinem Bruder und seinem besten Freund gesprochen. Bei ihnen konnte er seine eigenen Ängste loswerden, wohingegen er selber die Ängste von mir und den Kindern abfangen musste. Den Kindern sagten wir am Anfang nicht die Wahrheit. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Erst als ich in die Klinik eingewiesen wurde, haben mein Mann und ich sie informiert. Mein Sohn zog sich komplett zurück, meine Tochter weinte. Beide bauten in der Schule ab und ihre Noten wurden zunehmend schlechter. Als mein Sohn sich immer mehr zurückzog und stiller wurde, habe ich mich lange mit ihm unterhalten. „Ich habe Angst, dass Du stirbst, Mama“, sagte er zu  mir. Ich gestand ihm dann, dass auch ich die ganze Zeit Angst davor habe, woraufhin wir uns umarmten und zusammen weinten. Ab diesen Moment konnten wir in der ganzen Familie offen darüber sprechen und die Kinder meine Erkrankung besser verarbeiten und akzeptieren.

Seelisch und moralisch aufbauend war für mich auch der Austausch mit einer Psychologin und mit anderen Patienten. Deren Geschichten zeigten mir, dass man mit Lungenkrebs leben kann. Diese offenen Gespräche haben mir sehr geholfen und mich motiviert, mich in der Selbsthilfe zu engagieren. Ich mache in zwei Krankenhäusern Patientenbesuche, um möglichst viele Menschen anzusprechen und zu informieren. Wichtig ist mir vor allem, dass die Betroffenen lernen, über ihre Erkrankung zu sprechen. Reden hilft, die Angst zu nehmen und neue Kraft und Mut zu schöpfen. Aus diesem Grund habe ich im März 2009 eine Selbsthilfegruppe mitgegründet und leite diese seitdem. Bei unseren Treffen erzählt jeder, wie es ihm geht und wir unterhalten uns viel über Neuigkeiten in der Behandlung, aber auch über Privates. Neben meinem Engagement in der Selbsthilfegruppe bin ich außerdem in einem Patientenbeirat, gehe zu Tagungen und Informationsveranstaltungen. Auch Letztere halte ich für sehr wichtig, damit sich Betroffene umfassend informieren und austauschen können.

Heute geht es mir gut. Meine Erkrankung ist nun schon 6 Jahre her und ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte anderen Betroffenen Mut machen kann. Und niemals vergessen: Reden hilft!

 

Herr Ehmann: „Der Betroffene gibt die Richtung vor!“

Ich arbeite in einer Lungenfachklinik. Mein jüngster Bruder ist hier 1997 im Alter von 40 Jahren mit der Diagnose Lungenkrebs eingewiesen worden. Fast drei Jahre konnte er mit der Krankheit leben, dann ist er leider gestorben. Für mich war es eine traumatische Geschichte – ich bin an meine Grenzen gestoßen!

Mein Bruder wollte nicht über seine Erkrankung sprechen. Nur ab und zu hat er mit seiner Frau und mit mir darüber geredet. Durch meinen Beruf war ich der wichtigste Ansprechpartner für ihn. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass es das Beste ist, den Betroffenen die Richtung und den Takt angeben zu lassen: Er sollte entscheiden, was er besprechen möchte und was nicht; wann er was tun möchte und wann nicht. Viele Angehörige meinen es gut, indem sie Empfehlungen aussprechen. Allerdings lösen diese Empfehlungen bei dem Betroffenen häufig nur Stress aus. Denn diese wissen selber genau, was sie brauchen und was nicht. Das gilt vor allem für das Essen und Trinken. Auch wenn es dem Angehörigen schwerfällt: Der Betroffene isst was er kann und will – das muss ein Angehöriger akzeptieren. Natürlich habe ich meinem Bruder auch geraten, sich zu informieren. Dieser Empfehlung ist er nachgegangen.

Ich selber habe mehrere Patienteninformationsveranstaltungen besucht. Zudem war es für mich wichtig, dass ich mich beraten lasse, um die Erkrankung meines Bruders zu verarbeiten. Zum einen habe ich mit meiner Frau gesprochen. Sie arbeitet in der Palliativmedizin und konnte mir in vielen Situationen helfen. Zum anderen habe ich mir professionelle Beratung geholt, mit Personen aus der Klinikseelsorge und der Psychologie geredet. Das hat mir sehr geholfen, mit der Erkrankung meines Bruders besser umzugehen. Heute engagiere ich mich in einer Selbsthilfegruppe und in der Raucherprävention, wo ich bei der Kampagne „ohnekippe“, die sich an Jugendliche richtet, als pädagogischer Leiter mitarbeite.

 

Herr Schmitt: „Heute habe ich einen intensiveren Blick auf die Schönheit des Lebens.“

Im Frühjahr 2007 hatte ich eine Erkältung, eigentlich nichts Ungewöhnliches. Merk-würdig war allerdings, dass ich plötzlich Blut hustete. Als ich daraufhin im Internet googelte, landete ich zu meiner Überraschung in einem Lungenkrebsforum. Das sensibilisierte mich, sodass ich zum Arzt ging, mit dem Ergebnis: Diagnose Lungen-krebs! Das war ein absoluter Schock für mich und für meine Frau. Wir waren beide sprachlos. Ich konnte in den ersten Wochen gar nicht über die Erkrankung sprechen und zog mich zurück. Auch mit meiner Frau konnte ich zunächst nicht reden, weil ich merkte, wie sehr sie die Situation ängstigte. Mit der Zeit ging es dann und meine Frau wurde meine wichtigste Stütze. Sie war es, die meine Eltern und unsere Freunde über meine Erkrankung informierte.

Bei meinen Freunden habe ich deutlich gespürt, dass viele unsicher waren, wie sie mit mir umgehen sollen. Und ich konnte ihnen auch nicht sagen, wie sie sich verhalten sollten, da ich es selber nicht wusste. Besonders deutlich wurde diese Ungewissheit bei meinen Kollegen. Als ich nach der Reha wieder ins Büro kam, hatte ich das Gefühl, dass meine Kollegen hinter ihren Monitoren regelrecht in Deckung gingen. Erst als ich selber auf sie zuging, waren sie unheimlich erleichtert: Es platzte geradezu aus ihnen heraus, wie sehr sie sich freuten, mich wiederzusehen.

Dass ich überhaupt irgendwann offen mit meiner Lungenkrebserkrankung umgehen konnte, lag daran, dass ich mich ausführlich im Internet und auf Veranstaltungen informiert habe: Ich wollte einfach wissen, woran ich bin – auch wenn es nicht grade sehr erfreulich ist. Mein offener Umgang mit der Erkrankung ist außerdem der Verdienst meiner Frau und meiner zum Zeitpunkt der Diagnose sechsjährigen Tochter. Sie waren immer für mich da, haben mich am meisten unterstützt und mir Kraft gegeben. Gleichzeitig war der Umgang mit den beiden für mich am schlimmsten, da ich wusste, wie schwer die Situation für sie ist. Hilfreich waren darüber hinaus Gespräche mit anderen Betroffenen. Es ist leichter, ein offenes Gespräch unter „Gleichgesinnten“ zu führen, denn man schockiert den Gesprächspartner nicht. Deshalb habe ich mich auch einer Selbsthilfegruppe angeschlossen.

Im Frühjahr 2012 sind die berühmten fünf Jahre vorbei. Ich hoffe, dass der Arzt mir dann sagt, dass alles in Ordnung ist. Das ist eine schöne Aussicht und ich hoffe, dass meine Geschichte anderen Menschen mit Lungenkrebs Mut macht. Die Erkrankung hat mir einen intensiveren Blick für die Schönheit des Lebens gegeben. Heute weiß ich, welchen Wert das Leben hat und kann mich auch über kleine Dinge freuen.